[GER] Kapitel 1: Die Bluteiche

Der Verlust der Geliebten ist nicht das Ende, sondern auch einen Anfang. Von was? Nun, endet das Jahr fängt ein neues an. Endet der Frühling, beginnt der Sommer. So beginnt unsere Geschichte, der Frühling ging zu Ende. Die Wiesen waren saftig grün und die Kühe, Ziegen und Ochsen grasten auf ihnen. Die Blumen rochen frisch und süßlich, die Luft war erfüllt von schwirrenden, fleißigen Bienen. Die Wolken zogen über die Wiesen und die Raubvögel stürzten sich auf die Mäuse in den Wiesen.


Die Sonne stand hoch am Zenit, es war warm geworden. Ich hatte mich in den Schatten einer jungen Weide gelegt und beobachtete die grasenden Tiere. Es würde ein ruhiger Tag werden. Zu dieser Jahreszeit gab es viele Berglöwen die Jagd auf unsere Herden machten. Allerdings musste man tagsüber selten mit einem Angriff rechnen, da diese Tiere eher nachaktiv waren.

Die Wolken zog über mich hinweg und ich konnte meinen Gedanken und Träumen nachgehen. Ich hatte ein ruhiges Leben und war froh darüber. Wir waren vom Krieg der anderen Länder verschont geblieben. Auch mussten wir keine Soldaten, noch andere Unterstützungen in die benachbarten Länder senden. Dennoch machte ich mir darüber Gedanken. So weit entfernt war der Krieg nicht und es konnte keiner abschätzen, welche der Nationen die Oberhand führte.


Kriege waren nichts für mich. Ich wollte mein Leben in meinem Dorf genießen. Es war ein ruhiges Leben, harte Arbeit und wenige Freuden. Dafür aber auch wenig Enttäuschungen, dass was man erarbeitete konnte man essen und mit anderen Dorfbewohnern tauschen. Keiner nahm einem etwas weg und es gab von allem genug. Das große Sommerfest stand heute Abend bevor und alle Dorfleute waren gut gelaunt. Es würde viel zu Essen geben, ein großes Feuer und guten Wein. Die Kinder würden spielen und lachen. Frauen und Männer würden tanzen und trinken. Das war mein sorgenfreies Leben.

Ich öffnete die Flasche des leichten Weins und schnitt mir ein Stück Käse und Wurst ab. Ein Stück weiches, körniges Brot schloss mein Mittagessen ab. Ich kannte nichts anderes als das Dorfleben. Ich war ein Elf und wuchs unter Menschen auf. Meine Zieheltern brachten mir alles bei, angeln, kochen, jagen und auch ein wenig der Kräuterheilkunst. Mit den Herden die ich morgens auf die Weiden trieb und abends wieder ins Dorf brachte verdiente ich mir meinen Unterhalt. Meine richtigen Eltern gaben mich vor vielen Jahren ab und zogen in den Krieg. Sie verloren diesen, seitdem gibt es nur noch wenige meiner Art. Ab und zu konnte man reisende Elfen sehen, der Rest lebt irgendwo abgeschieden. Typisch auffällig für die Elfen waren die spitzen Ohren und der helle, fast weiße Teint. Als ich jung war versteckte ich die Ohren, um den Hänseleien der anderen Kinder zu entkommen.

Der leichte Wein, die angenehme Wärme unter der Weide ließen mich gedankenverloren eindösen. Ich genoss die Wärme und den leichten Wind der durch mein weißes Haar fuhr. Auch dies unterschied mich von den anderen Dorfbewohnern. Sie hatten wie alle Menschen braunes, schwarzes oder auch blondes Haar.


Ein erschreckendes Muhen einer Kuh ließ mich aufschrecken. Es war bereits später Nachmittag. Verschlafen ließ ich meinen Blick über die Viehherde schweifen und ärgerte mich über mein viel zu langes Nickerchen. Nichts Auffälliges konnte ich erkennen, alle Tiere waren auf der Weide. Selbst das wild muhende Tier stand dort und starrte mich an. Der Wind hatte mittlerweile aufgehört zu wehen. Der Tag neigte sich dem Ende zu und es wurde merklich kühler. Weiter im Norden sah ich die ersten Wolken auf mich zu ziehen, es würde noch eine der kälteren Nächte werden. Aber neben dem großen Feuer des Sommerfests, dem vielen Wein und dem ausgelassenen Tanzen würde die Kälte schnell aus den Knochen weichen. Es wurde Zeit die Tiere einzusammeln und sich auf den Weg zu machen.


Noch immer standen alle Kühe auf der Weide und blickten mich verwundert an. Ein seltsamer Anblick, wenn einen fast 100 Tiere aus ihren treuen Augen anstarrten. Ich sammelte meine Sachen ein und packte alles in meinen Beutel. Ich lief zu meinen Tieren, die nach wie vor wie versteinert zu mit aufblickten.


Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, die Tiere starrten nicht mich an, sondern hinter mich. Ich drehte mich um und sah ein rotes flackern. Ob es schon das große Feuer war, dabei war es noch gar nicht Abend. Ich trieb die Herde an und machte mich auf den Rückweg zum Dorf. Ein seltsames Gefühl beschlich mich und ich fühlte mich unwohl. Auch die Tiere verhielten sich seltsame, sie waren merklich unruhig. Das Dorf lag hinter den Hügeln und dem großen Wald, der uns mit genügend Rohstoffen für die kalten Winter versorgte. Es war ein weiter Weg der gut zwei Stunden in Anspruch nehmen würde. Die Tiere liefen nur störrisch vor mir her und die ein oder andere Kuh versucht immer wieder aus der langen Reihe auszubrechen. Ich trieb die Kühe mehr zur Eile an, irgendwas stimmt nicht.


Endlich verließ ich den Wald, nur noch ein Hügel lag zwischen mir und dem Dorf. Mittlerweile war es dunkel geworden und ich fröstelte vor Kälte. Es war ungewöhnlich, dass es noch so kalt werden würde. Ein dichter Wolkenvorhang verdeckte den Blick auf die Sterne und auch die Monde waren kaum zu sehen. Ein metallischer Geruch lag in der Luft und vermischte sich mit dem rauchigen Geruch von Feuer. Das Rascheln, atmen und muhen der Kühe vor mir war das einzige was ich hörte.


Plötzlich stoppten die Tiere vor mir. Ich rannte die lange Schlange entlang um an dessen Anfang zu kommen und zu sehen warum die Tiere nicht mehr weitergingen. Normalerweise wussten die Kühe, Ziegen und Ochsen zu welchen Ställen sie mussten. Ich stand auf dem Hügel und sah unser Dorf.


Doch es war nicht das Dorf wie ich es kannte. Es war nicht der Anblick den ich erwartete, das Dorf war leer. Kein Bewohner war zu sehen, kein Hund bellte. Gerade heute hätten die Kinder auf den Straßen gespielt. Doch es war niemand zu sehen. Ich erblickte das große Feuer bei der alten Eiche, die in der Mitte des Dorfes stand. Aber auch dort sah ich niemanden bewegen.

Ich rannte los, irgendwas war faul. Der Geruch von Blut und Rauch, dazu die unheimliche Stille im Dorf. Endlich erreichte ich die ersten Häuser, ich hielt vor dem Haus des Schmieds. Es war verlassen. Wegen dem verdeckten Himmel, dem fehlen jeglichen Sternen oder Mondlichts konnte ich nichts genauer erkennen und lief deshalb zum nächsten Haus, auch hier fand ich niemanden. Ich beschloss zur großen Eiche und dem Feuer zu gehen. Auf dem Weg begegnete ich niemandem, auch auf meine Rufe antwortete niemand, was war hier nur passiert?


Ich erreichte das Feuer, das den Blick auf die Eiche versperrte. Es brannte hoch und unglaublich heiß. Die Kälte spürte ich durch das Rennen schon nicht mehr, so nah beim Feuer fing ich an zu schwitzen. Ich ging um das Feuer herum und erstarrte.


Die sonst so weiße, alte Eiche war blutrot. Es waren die Dorfbewohner, die die Eiche blutig färbten. Sie waren mit Lanzen, Nägeln, Heugabeln und Schwertern an die Eiche genagelt worden. Die geschundenen Körper hingen schlaf herab und das Blut sickerte heraus. Ich erkannte den Schmied und auch ein paar Kinder. Mir drehte sich der Magen um und ich übergab mich. Ich fiel auf die Knie und sah meine Welt zerbrechen. Mein ruhiges Leben war aus den Angeln gerissen worden. Der metallene Geruch von Blut schlug über mich zusammen und ich musste mich ein weiteres Mal übergeben. Plötzlich hörte ich eine Stimme, eine mir unbekannte Sprache sagte etwas. Ich drehte mich um erkannte aber wegen dem Feuer niemanden. Plötzlich fühlte ich einen Schmerz in meiner linken Schulter und ich fiel nach auf den Rücken. Ich erkannte noch die Umrisse eines Pfeils der aus meiner Schulter ragte, dann richtete sich eine Person vor mir. Gelbe Augen starrten mich an, eine grüne Fratze stieg über mich hinweg, dann schlug die Dunkelheit über mich zusammen und ich wurde ohnmächtig.

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